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Klaus Ferentschik

Biography

Klaus Ferentschik (1957, Graben) lives in Berlin, is a writer, university lecturer and head of the College of Pataphysics, the science of imaginary solutions (see www.college-de-patafysique.org). A language expert, Ferentschik is clearly influenced by the experimental literary ideas of OuLiPo (Ouvroir de littérature potentielle); this is evident in his amazing double novel Schwelle und Schwall (Threshold and Flood), in which only male gender nouns appear in one half and only female gender nouns in the other half. In his next book, Scharmützel (Skirmish), he uses only neutral gender words. Ferentschik also worked together with the curator Harald Szeemann, who died recently, on such projects as Visionary Austria (1998) and Visionary Belgium (2005). In the catalogue for the first exhibition Ferentschik wrote a short article on his fascination with the Austrian farmer-inventor Franz Gsellmann, the main character in the novel Ferentschik has come to Belgium to research in 2006. During his second stay, this time in the centre of Brussels, he is editing the finished novel in which Expo 58 and the Atomium play an important role.

On Sunday March 16 at 11.30 a.m. Klaus Ferentschik will be at Passa Porta for a literary programme.

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Authors' text

Die belgische Vision und die Weltmaschine

Über das Atomium ist noch lange nicht alles gesagt. Freilich, die Berichte und Bilder darüber, all die Artikel, Abhandlungen und Aufsätze, füllen bergeweise Bände, ohne alle seine Auswirkungen kundzutun. So wissen nur wenige von einem Vorfall, der sich etwa 1500 Kilometer von Brüssel entfernt ereignete, als ein dort einheimischer Landwirt in einer Lokalzeitung Anfang Oktober 1958 einen Bericht über die Weltausstellung las. Doch nicht das Geschriebene fesselte ihn, vielmehr erregte das daneben abgebildete Atomium seine Aufmerksamkeit und Faszination, und zwar derart, dass er, vollends aufgewühlt in seinem Innersten, keine Ruhe mehr fand und kurzerhand den Entschluss fasste, das Ganze in natura zu sehen. Es würde seine erste Reise sein, noch nie hatte er seinen Geburtsort verlassen, in dem, an einem der gebirgigen Hänge inmitten des Voralpengebietes, sein Bauernhof stand, bestehend aus einem kleinen Haus, daneben ein kleine Scheune mit noch kleinerem Stall. Auch Franz Gsellmann, um den Bauern beim Namen zu nennen, war von kleinwüchsiger Statur und geringem Gewicht. Er pflegte ständig zu frieren, trug in den kalten Jahreszeiten stets mehrere Hemden, Kittel oder Mäntel, und vertraute als strenggläubiger Katholik ganz seinem Glauben. War es die erste Erschütterung dieses Glaubens, die ihn aufwühlte beim Anblick des Atomiums, etwas, das ihn weit mehr bewegte, als die Hoffnung auf ein möglicherweise besseres Leben nach dem Tod? Er selbst machte sich darüber keine Gedanken und wenn, würde er sich dies nicht eingestanden haben. Auch dass tags darauf, unmittelbar nach seiner Ankunft in Brüssel, seine Religion einen weiteren Stoss versetzt bekam, diesmal von ihrem höchsten Vertreter auf Erden, nämlich dem Papst, der über Nacht die Geste des Sterbens vollzogen hatte. Grosse Schlagzeilen und schwarzeingerahmte Photos auf Titelblaettern der Zeitungen verkündeten seinen Tod, als Franz Gsellman am frühen Morgen im Centralbahnhof aus dem Zug stieg.

Er hatte tatsächlich, zum grossen Entsetzen seiner Frau, eine gehörige Summe der gemeinsamen Ersparnissen genommen, ein paar Dinge hergerichtet, während sie Brote für die weite Reise mit Butter bestrich, einen Ranken Speck einwickelte und Apfelmost in Flaschen füllte. Statt ihn zum Bahnhof zu begleiten, schimpfte sie, schalt ihn einen Narren, er brummte, verabschiedete sich von seinem Sohn, murmelte etwas von wegen "macht's gut", und ging zu die weite Streck zum Bahnhof, um von dort zum Nachtzug nach Brüssel zu gelangen.

Bei seiner Ankunft regnete es. Ein heftiger Westwind pfiff durch die Gassen und begleitete Franz Gsellmann auf dem Weg zum Areal der Weltausstellung, in dessen Zentrum sich das Atomium befand. Dreimal umrundete er es mit langsamen Schritten und gerecktem Hals, um die Feinheiten des Monuments bis ins kleinste Detail akkurat ins Auge fassen zu können. Dann suchte er sich in geeigneter Entfernung einen Platz, entledigte sich des Rucksacks, kramte daraus einen Block hervor, entnahm den Bleistift seiner Jacke, spitzte ihn mit dem Taschenmesser und und begann das Atomium quasi massstabgetreu in entsprechender Verkleinerung abzuzeichnen. Sorgfältig verstaute er die Zeichnung, damit sie keine knitt'rigen Falten bekäme, und suchte sich einen halbwegs komfortablen Platz, um sich mit dem mitgebrachten Essen für die Rückreise zu stärken. Hier war, mit dem Abzeichnen dieser belgischen Vision, seine Mission beendet und ihm blieb nur noch eine Zeit des Wartens, um mit dem Nachtzug zurück in seine Heimat zu fahren.

Dort angekommen gab er sich wortkarg und blieb es auch, bis er eine Kammer in seinem Haus geleert und ihren genauen Mittelpunkt bestimmt hatte. Er vergewisserte sich dessen mehreremale, malte ein Kreuzchen auf die exakte Stelle und begann aus Holz sein eigenes Atomium zu bauen, dessen Mittelpunkt er genau auf diesem Kreuzchen plazierte. Es glich bis auf das berühmte i-Tüpfelchen seinen Vorbild, nur dass es aus Holz und wesentlich kleiner war. Aber das lag an der Räumlichkeit, die er, das wusste Gsellmann damals noch nicht, in einigen Jahren erweitern musste, wodurch sich der Mittelpunkt verschieben würde, aber das wäre dann unter keinen Umständen zu ändern gewesen.

Um den Mittelpunkt, den das Atomium mit den neun Kugeln bildete, legte Franz Gsellmannn allmählich Teile an, irgendwelche Fundstücke, die ihm in die Hände gerieten. Er verband diese Teile untereinander, selbstverstaendlich auch mit dem Atomium, schnitzte oder schmiedete selbst kleine Stücke, die ihm passend schienen, und erweitere das Ganze mehr und mehr. Er kannte sich aus mit Mechanik und Elektrik, legte mittels Kabel und kleinen Motoren, die beispielsweise aus alten Staubsaugern stammten, Strom an beweglich Objekte, so dass sich die einzelen Teile, wie bei einer Maschine, bewegten, sich drehten, ratterten und knatterten und pfiffen und leuchteten. Auf die Frage seiner Frau, was das denn werden würde, antwortete er seelenruhig: "Es wird schon was werden" und zog sich mehr und mehr in seine Maschine zurück.

Dass es sich dabei um eine Maschine handelte, wusste er anfangs noch nicht. Als nach einigen Jahren ein Politiker vorbeikam, ihrer ansichtig wurde und wohl im Scherz meinte, es handele sich dabei um eine Weltmaschine, war sich Gsellmann schlagartig darüber bewusst geworden, tatsächlich an einer Weltmaschine zu arbeiten. An einer Maschine, die sich ständig veränderte, die ächzte und stöhnte und schnaubte und pfiff und leuchtete und sich bewegte, wie die Welt um ihn herum, in der stets Neues entstand und alles vergänglich, hinfällig war. Er selbst hatte längst keine Augen mehr für die profane Welt ausserhalb dieses Raumes, sorgte sich nicht um die Alltäglichkeit seiner Umgebung und vernachlässigte die Familie. Frau und Kind mussten sich um die Landwirtschaft kümmern, die Aussaat tätigen und die Ernte einfahren, die in dieser kargen Gegend oft allzu spärlich ausfiel. Die Einwohner der näheren Umgebung bemitleideten sie, ihn hingegen verachteten sie, er wurde zum Gespött, zum Dorfdepp, zum Eigenbrötler, der sich nur um seinen eigenen Kram kümmerte. Sie konnten nicht nachvollziehen, was in ihm vorging, was ihn bewegte mit einer solchen Sturheit ein Projekt zu verfolgen, das in nichts reüssieren wuerde. Ein Objekt, das zu nichts taugte, nichts anderes darstellte, als sich selbst. Eine Maschine, die nichts produzierte - schon gar nichts brauchbares. Ausser imaginären Lösungen natürlich, aber die zählten in ihren Augen nicht, obwohl alles um sie herum auf imaginären Lösungen basierte und aus keinen anderen Lösungen die sogenannte Wirklichkeit zusammengesetzt ist.

Daran dachte Gsellmann wahrscheinlich auch nie, aber es sollte ihn nicht hindern, konsequent den Bau der Maschine zu betreiben, mit einer Obsession sondergleichen zu verfolgen und alles in sie zu intergrieren, dessen er habhaft werden konnte. Madonnen und Kruzifixe genauso wie sich drehende Vogelkäfige, wippende Gondeln mit bunten Glühbirnchen, etliche Hula-Hupp-Reifen, Glockenspiele, Uhren, Pumpen, Gitter, Zahnräder, Schalter, Leuchtbuchstaben, Segelschiffe, Telefonläutwerke und noch vieles mehr. Alles, was er fand und glaubte brauchen zu können, und was er nicht zufällig fand und glaubte zu brauchen, suchte er, bis er es fand oder selbst herrichtete. Nichts konnte ihn davon abbringen, ganz gleich, wie gross die Ablehnung der Familie, der Verwandten und Bekannten auch war, denen er und seine Maschine mehr war, als bloss ein Dorn im Auge. Selbst die Schwiegertochter hatte ihn einmal genötigt, die Maschine "wegzuschmeissen" und sich um die Familie, deren Ernährung und was sonst damit zusammenhing, zu kümmern, hatte sogar versucht, Hand anzulegen, an die Maschine - und damit nur das Gegenteil bewirkt. Er vergrösserte den Raum, der längst zu eng war, brach eine Mauer durch und baute ein paar Meter an, um genug Platz für die Weiterentwicklung zu haben. Ausserdem verbot er allen diesen Raum zu betreten und schloss jedesmal die Tür ab, wenn er den Weltmaschinenraum verliess.

An der Weltmaschine baute Franz Gsellmann insgesamt 22 Jahre, bis wenige Tage vor seinem Tod. Als allerletztes brachte ein Fragezeichen an, und erklärte, bereits auf dem Sterbebett liegend: "Die Maschine ist jetzt fertig, ihr könnt damit machen, was ihr wollt".

Nach wievor steht die Weltmaschine inmitten des Voralpengebirges und wird, als Kuriosum sozusagen, taeglich Touristen vorgeführt, die scharenweise in Omnibussen vorbeikommen, weil sie auf der Route zwischen zwei berühmten Schlössern liegt.

Aber die Weltmaschine ist kein Kuriosum, sondern höchste Kunst, was nicht heissen soll, dass diese nicht kurios sein kann. Franz Gsellmann hat die belgischen Vision aus der Metropole mitgenommen, in die tiefste Gebirgsregion gebracht und zu einem Gesamtkunstwerk weiterentwickelt. Nachweislich kann die Weltmaschine auch als eine Junggesellenmaschine bezeichnen werden, in der Art, wie sie beispielsweise von Marcel Duchamp oder Jean Tinguely entworfen bzw. geschaffen wurden. Auch bei ihnen spielt der Zufall eine entscheidende Rolle, wahrscheinlich die entscheidendst überhaupt, in dem er die sogenannten ready-mades lieferte, die wichtige Bestandteile ihrer Kreationen bildeten.

Nicht nur so betrachtet handelt es sich bei Franz Gsellmann um keinen verrückten Bauern, der eine spinnerte Idee verfolgte, wie es gerne dargestellt wird, sondern um einen Künstler, dessen Platz durchaus inmitten der Wegbereiter der sogenannten modernen Kunst steht.

Klaus FERENTSCHIK, März 2006

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Villa Hellebosch
20.03.06 > 3.04.06

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