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Anna Kim

Biography

Anna Kim (Daejeon, 1977) and her parents moved from South Korea to Germany in 1979, and later to Austria. At the University of Vienna, Kim read philosophy and theatre studies and she wrote a thesis on Georg Lukács' Theory of the Novel. Anna Kim's short stories, essays and poems have appeared in papers, literary magazines and anthologies, and she is the author of the essay Invasionen des Privaten (2011), a volume of poetry, Das sinken ein bückflug, and three novels. Frozen Time (Ariadne Press 2010) is the story of a researcher who assists people from the former Yugoslavia in their search for lost relatives. Her most recent novel, Anatomie einer Nacht (Suhrkamp) was published in 2012. Anna Kim has gained several grants and awards, and in 2012 she was one of the European Union Prize for Literature laureates, for Frozen Time.

 

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Authors' text

Pannenküken

1.  

Da Schmidt Sonnenstrahlen großen Kummer bereiteten (er war der Überzeugung, sie würden ihn absichtlich und mit großer Böswilligkeit blenden), war er von seiner Heimat aus nordwestlich geflogen, nach Brüssel, wo er vor sechzehn Jahren während einer Zugfahrt das erste Mal Bekanntschaft mit dem Wort pannenkoeken gemacht hatte.
Diese Vokabel, die er zunächst nicht hatte aussprechen können, sie war auf seiner Zunge herumgekugelt, von K nach K, und irgendwo hatte sich ein CK eingeschlichen, davon war er überzeugt, hatte eine Leidenschaft und schließlich eine Obsession in ihm ausgelöst: Jeden Tag verbrachte er mindestens eine Stunde damit, sich auszumalen, was pannenkoeken, ein wahrhaft karnivores Wort, sein könnten. Am ehesten, dachte er, Pannenküken: Küken, die in eine Panne geraten waren, daher an den Straßenrändern zum Autostoppen auf und ab hüpften; kleine gelbe Federbälle, die man, wenn man eine Reifenpanne hatte, neben sich auf die Erde stellte, damit sie lauthals um Hilfe zwitscherten; ein neongelbes Küken, das auf jedem Pannendreieck posierte und es damit sichtbarer machte; ein sehr junger Mensch, der in einen Unfall geraten war (ach, du armes Pannenküken du, die Feuerwehr kommt schon, der Krankenwagen auch!). Schmidt dachte, es könnte sich auch um ein Gericht handeln, kleine platt gewalzte Hühnerhäppchen, alles Fleisch von Hühnern, die unabsichtlich gestorben waren - die Möglichkeiten schienen endlos.  
Um den schier unendlichen Möglichkeiten ein Ende zu bereiten, stieg Schmidt, der seiner Ansicht nach zu viel Zeit mit Spekulationen jedweder Art verbrachte, an einem Julitag am Gare Centrale aus und trabte, ausgerüstet mit seiner Pannenkükenjagdausrüstung, die aus einem Schmetterlingsnetz, einem Vogelkäfig, einem Paar Imkerhandschuhe und einem Imkerhelm bestand, die gepflasterte Rue du Marché aux Herbes hinunter. Aha, Grasmarkt, dachte er, während er darauf achtete, nicht von Touristenfähnchen gestreichelt und Touristenschirmchen aufgespießt zu werden, hier werden Wiesen verkauft, aber, zu meinem großen Bedauern keine Pannenküken. An dem Schild Boter Straat blieb er eine ganze Stunde stehen, weil er den Impuls verspürte, mit dem roten Kugelschreiber, der in seiner linken Hemdentasche wohnte, das R in ein N zu verwandeln -
Boten machte mehr Sinn als Boter.  

Während er etwas verloren durch die labyrinthische Altstadt wandelte, kam er an einem nackten kleinen Knaben vorbei, vor dem Touristenpaare und -monaden posierten, grinsend und ohne Anstand, wie Schmidt befand, man möge doch den kleinen Lümmel in Ruhe sein Geschäft verrichten lassen, murmelte er, und etwas Kleidung würde dem Bengel auch nicht schaden, als ihm einfiel, dass es sich wohl um einen Freikörperkulturzögling handeln musste, vielleicht sogar um den Freikörperkulturgründer, aha, rief Schmidt und schoss ein Foto, denn dies befürwortete er, Kleider waren beim Pinkeln im Weg. Und für einen Moment malte er sich aus, wie die Welt aussehen würde, wären alle nackt wie der Pinkelknabe und würden wie der Pinkelknabe die Gegend bepinkeln. Das Leben wäre eine idyllische Kloschüssel, dachte Schmidt und schoss ein zweites Bild.
In der Seitenstraße einer Seitenstraße, die Altstadt Brüssels bestand, so schien ihm, nur aus Seitenstraßen, stieß er an der Haustür auf ein kleines Schild, auf dem bellen stand. Der Aufforderung kam Schmidt gerne nach. Nachdem er ausgiebig gebellt hatte, so lange, bis das hysterische Miauen der Nachbarskatze überbellt war, ging er zufrieden weiter. An der nächsten Tür stand ebenfalls bellen, also bellte er wieder. Der dritten Türaufforderung kam er nicht nach. Nun reicht es aber, dachte er, wo sind denn nun die verflixten Pannenküken - auf den Stufen der Bourse endlich hatte er eine Epiphanie: pannenkoeken stand da, in weißen Kreidebuchstaben auf einer schwarzen Tafel gegenüber, die Schrift etwas verschmiert, aber immer noch gut lesbar. Gefunden, jubilierte Schmidt, sprang auf, setzte den Imkerhelm auf, zog die Imkerhandschuhe an und stiefelte, das Schmetterlingsnetz vor sich herhaltend und den Vogelkäfig im Anschlag, in langen Schritten über die Boulevard Anspach.  

Zwischen den zahlreichen kleinen runden Tischen war es nicht leicht, sich durchzuzwängen, zumal sie von relativ hohen und großen Biergeräten bevölkert und von durstigen Biergästen belagert wurden, nicht zu vergessen die kleinen Täfelchen, die bei jeder Berührung wackelten, vor allem das Wörtchen mosterd, aha, dachte Schmidt, Mosterde, und malte ein E ans D. Eigenartig, wie wenig sich die Belgier um Rechtschreibung kümmern, dachte Schmidt und kam zu dem Schluss, ein Zeichen von Großzügigkeit und nicht Nachlässigkeit, wie auch all das Wisselgeld beweist, dachte er, hier weiß Geld nicht, es wisselt, natürlich, es ist schließlich nicht weise, sondern wisselnd, daher Wisselgeld, nicht Weisen- oder Wissensgeld, und zufrieden hob Schmidt den Schleier und sagte laut, wo finde ich Ihre Pannenküken, Madame, als er von der Kellnerin angesprochen wurde. Pannenkoeken, wiederholte diese und kritzelte ein paar Wörter auf einen Block. Nein, Pannenküken, sagte Schmidt, wo? Und etwas lauter, w-o-h? Pannenkoeken, nickte sie und verschwand im Gebäudeinneren.
Wie unhöflich, dachte Schmidt und wollte der Dame mit der weißen Schürze folgen, um sich schon beschweren, als ihm der Gedanke kam, dass sie sie wahrscheinlich nach draußen treiben wollte, denn im Inneren würden er mit seiner ganzen Ausrüstung und die Küken mit ihren Schnäbeln die Einrichtung in viele Stücke zerhauen und zerhacken, ehe er sie in seinem Käfig nach Hause würde transportieren können. Ja, so wird es sein, sagte Schmidt und umfasste sein Schmetterlingsnetz fester und öffnete die Tür des Vogelkäfigs; er war bereit -
und aufgeregt. Vor lauter Aufregung hüpfte Schmidt, in voller Pannenkükenjagdmontur, zwischen den Tischen und Gästen auf und ab, dabei brachte er ein Bierglas zum Kippen, ein weiteres fiel auf den Boden und zerbrach, aber was machte das schon, das Pannenküken-geheimnis würde bald gelüftet werden.    

2.

Geen pannenkoeken, sagte die Kellnerin und schob Schmidt aus dem Schanigarten. Pannenküken?, fragte er und nahm den Imkerhut ab. Neen.

3.  

Schmidt trottete kreuz und quer durch die Stadt, sein Trab hatte sich zusammen mit seinem Traum in Trotten aufgelöst, oder, wie er meinte, in Trotteln, wie hatte er nur so naiv sein können und glauben, es würde so einfach sein, Pannenküken zu fangen? Sie waren gewieft, natürlich, sie wollten nicht gefangen und studiert werden, sie wollten frei sein! Schmidt seufzte, setzte sich auf den Rand einer Riesenblumenvase, zog die Handschuhe aus und stopfte sie missmutig in seinen Rucksack. Die Kellnerin war dermaßen schnell verschwunden, dass er sie nicht mehr nach dem natürlichen Habitat der Pannenküken hatte befragen können; wo sollte er nun nach ihnen suchen? Wieder irrte er durch die Stadt, als er plötzlich vor einem schwarzen Gusseisentor zu stehen kam, das, so sprach die Touristenbeschilderung vor ihm, ein Tuin sei. Interessant, dachte Schmidt, er hatte noch nie ein Tuin gesehen, und er fragte sich, ob nur die Betoneinfahrt dieses Tuin sei oder ob nach der Einfahrt noch etwas kommen würde; in jedem Fall war seine Neugier geweckt: Er durchschritt das Tor das knutschende Paar davor ignorierend. Ein paar Stufen führten ins Innere des Tuins, ein Trinkwasserhahn war zu sehen, sowie mehrere Sätze an der Mauer, die er weder laut noch leise lesen konnte, seine Zunge verhaspelte sich bei jedem Versuch. Als er weiterschritt, entdeckte er zu seiner Rechten ein Kletterspielzeug, auf dem drei Kinder krabbelten, es mochte sich aber auch um den Schatten eines Menschen handeln, der versteinert war
- Schmidt begann der Tuin unheimlich zu werden. Als er einen Mann und eine Frau entdeckte, die im Schatten eines Baumes Holzklötze aufstellten, um sie mit anderen Holzklötzen umzuschießen, floh er voller Entgeisterung von diesem Ort, rannte den Hügel, der sich Zavel nannte, hinunter und hastete durch die Eingangspforten eines Supermarktes. Die vielen Einkäuferinnen und Einkäufer gaben ihm ein Gefühl von Geborgenheit, das er von den Supermärkten in seiner Heimat kannte, die er allerdings bis heute eher gemieden hatte, zu sehr verwirrten ihn die vielen Produkte, die, landeten sie nicht in seinem Einkaufswagen, ihn vorwurfsvoll anzuglotzen schienen, aber, hatte er ihnen erklärt, und er hatte doziert, dabei sogar seinen Finger durch die Luft geschwungen, wenn sich ein Objekt nicht auf der Liste befindet, darf es nicht gekauft werden, nur gelistete Dinge sind kaufbar, und er hatte sich gegen die anklagende Präsenz gewappnet, indem er eine Sonnenbrille aufgesetzt hatte; diesmal hatte er keine dabei, er musste ohne auskommen. Er wich auf die Kühlabteilung aus, gekühlte Waren schliefen seinem Verständnis nach, ihnen war es einerlei, ob er nach ihnen greifen würde oder nicht, im Gegenteil, sie empfanden es als eine Störung, aus ihrem Winterschlaf geweckt und in die Alltagshitze getragen zu werden. Schmidt stellte sich, da ihn ein Touristenpaar mal hierhin, mal dorthin scheuchte, näher an den Rand des Kühlregals, zu den Milchflaschen und dem Knoblauchbaguette, als sein Blick auf die Plastikverpackung neben dem Tiefkühlbrot fiel -
er hatte sie sich anders vorgestellt, soviel ist klar.
Ganz anders.
Aber sie waren es, eindeutig. Sie trugen sogar die Bezeichnung auf ihrer Titelseite.
Pannenkoeken.
Rasch stellte er seinen Rucksack ab und holte die Pannenkükenausrüstung heraus. Den Imkerhut steckte er wieder ein, aber die Handschuhe streifte er sich über, nahm das Schmetterlingsnetz in die rechte und den Vogelkäfig in die linke Hand und beugte sich über die Pannenküken, die tief im Kühlschlaf lagen, nichtsahnend.
Zack! Mit einer schnellen Bewegung hatte er sie in seinem Netz gefangen, sie zappelten nicht, sondern schliefen noch immer, platsch! Mit einer zweiten Bewegung beförderte er sie vom Netz in den Käfig, tock! Nun war die Käfigtür verriegelt.

4.

An der Kasse bezahlte er für das Jagdgut; seine Weigerung, die Beute aus der gesicherten Bewahrung zum Einscannen herauszunehmen, verursachte ein Chaos, das in wilden Beschuldigungen, kleinen Handgreiflichkeiten und darin endete, das Schmidt von diesem Etablissement für immer und alle Zeiten verbannt war, aber mit den Pannenküken in sicherer Verwahrung lief Schmidt zum Bahnhof und stieg, nachdem er dem Befehl Aandacht gefolgt war (was für ein frommes Volk doch die Belgier sind, ständig und überall wird zur Andacht aufgerufen, dachte er), kurz seinen Kopf gesenkt und die Augen geschlossen hatte, in den Zug nach Hause -
bald würden sie aufwachen. 

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Passa Porta
24.06.13 > 29.07.13

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