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Arno Camenisch

Biography

Arno Camenisch (b. 1978) is a Swiss writer of prose, poetry and drama. He writes in German and Romansh, and is a member of the ‘Bern ist überall' Spoken Word Formation. In 2009 he made his debut with the novel Sez Ner (The Alp, Dalkey Archive Press).  

Sez Ner was followed by Hinter dem Bahnhof (Behind the Station, to appear in April 2015), and Ustrinkata (Last Last Orders, to appear in June 2015). The three books form a triptych in which life in rural Switzerland is portrayed. The trilogy has been published in twenty languages including French, German, Spanish, Italian, Chinese and Russian. In the Dutch language region, Camenisch' work is published by the literary publisher De Bezige Bij.

Camenisch' latest novel is Fred und Franz (2013, Urs Engeler), a story of two brothers and how they learn to find love, lose it, hang on to it and let it go. The friendship between them is ‘as reliable as the coming and going of the seasons'. Arno Camenisch' work is characterised by moving dialogues halfway between nonsense and profundity, and a melancholy atmosphere.

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Photo © Yvonne Böhler 

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Authors' text

To be here

Von Brüssel weiss ich eigentlich nur, dass der Bäcker am Morgen freundlich war, dass es geregnet hat, als ich angekommen bin, dass es ein Sonntag und ich verkatert war, dass es am nächsten Tag immer noch regnete und mir die Wohnung gefiel, dass es Ende März war und die Wohnung an einem Platz an der Rue Dansaert lag, und dass der Platz vor der Wohnung sich mit jedem Tag füllte, je später es wurde.

Von Brüssel habe ich nichts gesehen, ausser den Bahnhof, von wo aus ich mit meiner Tochter nach Ostende ans Meer gefahren bin, ausser den Bahnsteig, auf dem ich stand und mit Miek in Amsterdam telefonierte während ich rauchte, ausser den historischen Platz im Zentrum mit den schönen Häuserfassaden, von dem ich nicht mal den Namen kenne, ausser den Strassen mit den Kopfsteinpflaster in der Innenstadt, ausser dem kleinen Laden um die Ecke und die Bar, wo Arno immer sass, ausser die Dachterrasse von Passa Porta, wo wir am Nachmittag in der Sonne anstiessen und Champagner tranken, ausser die Jugendlichen, die auf dem Platz vor der Kirche Fussball spielten, und den Alten, die an den Kirchen vorbei spazierten und sich nach ihren Hunden umdrehten, ausser dem Fischhändler, der am Abend an der Strassenecke Fische verkaufte, ausser den Frauen, die auffällig schöne Schuhe trugen und die man in der Nacht in den Strassen lachen hörte.

Von Brüssel weiss ich nur, dass ich auch dann noch an Marlène dachte, als ich mit Maria schlief, dass ich mein Tageshoroskop las und die Schokolade im Lidl kaufte, dass ich Bus gefahren bin und bei Rot über die Strasse ging, dass die Leute von Passa Porta mir zuwinkten, wenn sie am Café vorbei liefen, dass ich David Bowie hörte und auch französische Lieder, dass ich die Büchsen Coca-Cola in der Nacht im kleinen Laden an der Ecke kaufte, dass ich vor dem Spiegel stand und mich rasierte, dass ich mit der alten Russin mit dem schwarzen Hut über Hundenamen diskutierte, dass ich meine Tochter mit dem neuen Fussballleibchen auf dem Tisch fotografierte, und dass ich sie vermisste, als sie wieder zurück war, dass ich über Kommendes nachdachte und noch mehr in Vergangenem hing, und dass ich, wenn ich in die Bar ging, irgendwann immer wieder heim fand.

Von Brüssel weiss ich nur, dass ich mit Ana Kovac meine Kappe um ihren Schal eintauschte, bevor sie weiter nach Arles reiste, dass ich Radio hörte und mich dabei in Gedanken verlor, dass ich am liebsten barfuss über den Holzbogen in der Wohnung ging und dass ich im Wohnzimmer schrieb, damit ich die Leute auf den Strassen hörte, dass ich zu den Nachbarn rüberschaute, wie sie vor dem Fernseher sassen, wenn ich am Fenster stand, dass ich die Sonne über den Dächern aufgehen sah und wieder untergehen hinter der Stadt, und dass ich später wieder auf dem Sofa lag und dem Regen lauschte, dass die Tage für die lang sind, die in der Nacht nicht schlafen können, dass ich die Autos in den Strassen hupen hörte und die Menschen, die sich begrüssten oder beschimpften, dass sich das Paar vor dem Hauseingang küsste, bevor es ins Haus ging, dass ich gegen Kopfschmerzen Algifor nahm und dass ich froh war, wenn wieder die Nacht kam, dass ich am Morgen zum Bäcker gehen wollte und in Paris landete, und dass ich wieder zurück in der Stadt darüber nachdachte, dass einem in Brüssel der Gehsteig nie ausgehen würde.

 

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Passa Porta
30.03.15 > 27.04.15

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