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Klaus Ferentschik

Biography

Klaus Ferentschik (1957) lives in Berlin and is an author, literature teacher and tutor at the College of Pataphysics, the science of imaginary solutions founded by Alfred Jarry. His playful prose is also indebted to the experimental linguistic and literary ideas of OuLiPo (Ouvroir de Littérature Potentielle). While in Brussels, he completed Der Weltmaschinenroman (2008), the story of the Austrian agriculturalist and inventor Franz Gsellmann, who visited the Atomium in 1958 and came up with the idea of building a large ‘World Machine' in his barn.

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Authors' text

Mauern

In dem neowissenschaftlichen Roman Gestes et Opinions du Docteur Faustroll, Pataphysicien von Alfred Jarry, spielt ein Pavian namens Bosse-De-Nage eine nicht unbedeutende Rolle. Dieser Hundsaffe, « moins cyno- qu'hydrocéphale », sollte unter der Anleitung von Doktor Faustroll die französische Sprache erlernen, was ihm nur zu einem sehr geringen Teil gelang. Stattdessen bevorzugte er anscheinend eine andere Sprache, denn Bosse-De-Nage « prononçait assez correctement quelques mots belges", die er, abgesehen von einigen Ausnahmen, kaum gebrauchte. « Le plus souvent il proférait un monosyllabe tautologique : « Ha ha » disait-il en français ; et n'ajoutait rien davantage. » Das blieben auch zeitlebens seine einzigen Worte, die er immer ganz gezielt einzusetzen wußte.

Seit Erscheinen des Buches (1911) beschäftigen sich zahlreiche Exegeten mit dieser einsilbigen Tautologie und ihren Bedeutungen innerhalb und außerhalb dieses Romans. Die meisten Interpretationen und Analysen wurden diesbezüglich im Collège de 'Pataphysique seit seiner Gründung 1948 getätigt. Das publizierte nicht nur eine sogenannte entschlüsselte Faustroll-Ausgabe (Édition annotée, 1985 vulg.), sondern schuf auch einen pataphysischen Kalender mit 13 Monaten, deren einzelne Tage jeweils einer bestimmten Person oder einem Objekt etc. gewidmet sind, so wie der christlichen Kalender jeden Tag einen bestimmten Heiligen verehrt. Einer dieser Monate im pataphysischen Kalender trägt den Namen „ha ha", und der fünfte Tag dieses Monats, le 5 ha ha, ist Belgien gewidmet und heißt demgemäß, „Sainte Belgique, nourrice". (Im überlieferten christlichen Kalender entspricht dieser Tag dem 10. Oktober.) In einigen ihrer Ausgaben befaßte sich die Schriftenreihe des besagten Collegiums, die Revue „Viridis Candela", unter der Überschrift „Vies de Saints du Calendrier Pataphysique" in besonderer Weise mit den einzelnen Monaten dieses Kalenders, besonders mit den jeweiligen Tagesheiligen. Der Themenschwerpunkt der Viridis Candela - Monitoire du Cymbalum Pataphysicum No. 4, erschienen am 15 juin 1987 vulg., galt dem Monat haha und beschäftigte sich in diesem Zusammenhang auch mit dem 5 haha, le jour de la Sainte Belgique, nourrice. Mit der Tautologie ha ha von Bosse-De-Nage setzt sich der dazugehörige Textbeitrag eingehend auseinander und stößt dabei unweigerlich auf die Sprachen, die in Belgien geläufig sind: das Flämische und das Französische. Wenngleich Jarry im Original schreibt, daß der hundsköpfige Pavian Bosse-De-Nage sein ha ha französisch artikulierte, gehen die Exegeten davon aus, daß er, da belgischer Herkunft, - er trägt sogar einen „chapeau belge" - seinen stets wiederkehrenden Ausspruch gerecht auf die beiden in Belgien geläufigen Sprachen verteilte. « Or donc, le ha ha de Bosse-De-Nage serait éminemment belge ; et le redoublement du monosyllabe serait moins tautologique que traduction dans les deux langues, comme il est officiel. Il y aurait un ha en Français et un ha en Flamand, la détermination de l'ordre de primogéniture étant une question éminemment politique. »

War Bosse-De-Nage noch darauf bedacht, trennende Sprachbarrieren durch seine Silbenwiederholung aufzuheben, bestimmt in Belgien gerade die Trennung zwischen der flämischen und der französischen Region, das heißt der beiden Landstriche, die sich gemäß ihrer unterschiedlichen Sprachen zusammensetzen, Land und Leute und Politik. Die unsichtbaren aber hörbaren Sprachmauern dominieren das ökonomische System und spalten die Bevölkerung, als wolle eine Sprachkaste die andere beherrschen. Als handele es sich dabei um zwei unterschiedliche Systeme, so wie plus und minus oder arm und reich, die konträr zueinander sind. Sie konkurrieren untereinander, ignorieren sich gegenseitig, und wenn nicht, hagelt es Vorwürfe wegen der Ignoranz, die sie sich gegenseitig vorhalten. Wirtschaftlich betrachtet ist ebenfalls ein Unterschied auszumachen, wobei die flämische Bevölkerung besser gestellt ist als die wallonische. Dadurch sind nicht nur zwei Sprachwelten in einem Land voneinander durch unsichtbare Mauern geteilt, vielmehr legt auch die ökonomische Ungleichheit die Vorstellung nahe, es seien zwei völlig verscheidene Länder. Sie sind durch die Sprache, Infrastruktur und wirtschaftlichen Verhältnisse voneinander getrennt, wobei in diesem konkreten Fall der französische Teil bei weitem nicht auf der gleichen Höhe als der flämische ist. Hinzu kommt der Umstand, daß ein Großteil der wallonischen Bevölkerung, das Flämische nicht verstehen und die Flamen das Französische nicht; oder, was einen noch gravierenden Einblick in die gegebenen Verhältnisse schafft: der jeweilige Landesteil weigert sich die Sprache des anderen zu verstehen und zu sprechen. Als ginge es darum, sich abzuheben und abzusondern, dem anderen gegenüber das Anderssein zu beweisen - und natürlich auch zu zeigen, wer die tragende, die wirtschaftlich dominierende Kraft im Staate ist. Dabei wäre es von entscheidender Wichtigkeit, genau diese Unterscheidungen aufzulösen, um gemeinsam für mehr Wohlergehen im Ganzen zu sorgen.

Mich erinnert das an die Zeit, als in Deutschland die trennende Landesmauer zwischen der Bundesrepublik und der DDR gestürzt wurde, um beide Staaten wieder in einem einzigen zu vereinen. Zwar war die Sprache die gleiche, aber die dominierenden Mechanismen des reichen Westens versuchten von Anfang an den armen Osten permanent im Zaum zu halten und ihm dabei gleichzeitig das Wenige, das er besaß, auch noch zu nehmen. Die geballte Wirtschaftskraft des Westens engagierte sich nach dem Fall der Mauer sofort im Osten, aber nicht um zu investieren, sondern um dort die wenigen Fabriken und Betriebe aufzukaufen und in den Bankrott zu treiben, um so möglicher Konkurrenz vorzubeugen. Sie wurden quasi enteignet, die Produkte und Namen, die Waren und Markenzeichen, die für die DDR standen, wurden entweder ganz eliminiert oder unter einem anderen Namen unter einem anderen Logo weitergeführt. Das, was an das alte Land und sein System, an die andere Welt und die frühere Zeit erinnerte, sollte zum völligen Verschwinden gebracht werden, indem all die Produkte, die von dort stammten, nur noch so dargestellt und angeboten werden sollten, als kämen sie aus dem Westen. Als ginge es darum, mit einem Schlag die Identität eines Volkes auszumerzen, indem ihm das Wenige, mit dem es sich identifizieren konnte, genommen wird. Zwar fielen die sichtbaren trennenden Grenzen, die Mauern und Schlagbäume, blieben aber auf unsichtbare Weise vorhanden, denn es wurde verhindert, daß ein Austausch stattfand. Der östliche Teil konnte sich nicht ausbreiten, während der westliche schleunigst und ungeniert begann, alles Hinzugekommene zu besetzen, rigoros zu annektieren, kurzfristig zu seinem Eigen zu machen - um es dann wieder fallen zu lassen. So daß mittlerweile der Ostteil der Republik brach liegt, die Bevölkerung völlig desillusioniert und großteils arbeitslos ist, weil es keine Fabriken mehr gibt, keine Arbeit und Unterstützung, dafür aber viel Hohn und Spott und Abweisung seitens des Westens. Selbstverständlich bilden diese isolierten Verhältnisse den optimalen Nährboden für Kriminalität und Nationalismus. Durch diese vorherrschenden Verhältnisse sind die Leute im Osten, sofern sie nicht zu alt dafür sind, gezwungen, in den Westen zu ziehen und da als Billiglohnkräfte zu arbeiten, während in ihrer alten Heimat nicht nur kleine Dörfer dem Verfall preisgegeben sind und zu Geisterstädten mutieren. So existieren nach wie vor zwei verschiedene Länder, auch wenn sie nicht mehr durch Grenzen getrennt sind. Aber indem der westliche Landesteil den östlichen ausnützt und seine Bewohner auch als unterbezahlte Arbeitskräfte ausbeutet, sind wieder zwei Welten vorhanden, die durch Unterdrückung und Neid getrennt sind.

Im Vergleich mit Belgien sei nun darauf aufmerksam gemacht, daß die sprachlichen Mauern kein Hinderungsgrund sind, die unsichtbaren Grenzen zwischen Flamen und Wallonen aufzuheben. Die Sprachen sind Teil der Identität und sollten allein schon deshalb der jeweiligen Bevölkerung belassen werden. Aber beide sollten sich überwinden und die gegebenen sozialen Mauern nieder zu reißen, damit sie sich gegenseitig unterstützen und weiterentwickeln können, ohne sich permanent Vorhaltungen und Vorwürfe zu machen. Es wäre wünschenwert, würden sie die gemeinsamen Schritte unternehmen, um zu einen tatsächlich gemeinsamen Ganzen zu kommen. Aber nicht so, daß sie dieselben Fehler begehen, die in Deutschland nach dem Fall der mauer gemacht wurden, sondern so, daß statt Konkurrenz, Neid und Unterdrückung nur gegenseitige Unterstützung und Aufmunterung Land und Leute zusammenhält.

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Passa Porta
3.03.08 > 31.03.08

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